Der wohlbehütet aufgewachsene Adrian Ferdinand Francesco von Grassini hat soeben die Bürgerliche Gina Alga gehehelicht. Seine Familie besteht aus abgehobenen Spießern (bis auf seinen Bruder, das schwarze Schaf der Famile), aber Gina und ihre Leute sind totale Asis. Anlässlich der Hochzeitsfeierlichkeiten trägt sein Onkel, Lothar Maria di Malboroni, ein Gedicht über die Liebe vor – genauer gesagt, handelt es von seiner Liebe zu seinem armen Neffen:

Dumpfe, niedere Geister
beneiden die großen Meister.
Sie fordern das Genie heraus,
doch schlimmer sieht's mit diesen aus!
Sie fragen nicht nach Ziel und Sinn
und leben einfach vor sich hin,
mit Bier und Fernsehn, Tanz und Tand,
und fahr'n ihr Leben vor die Wand.

Oh Ferdinand, einst warst du mir
viel lieber als dein Bruder hier.
Du warst zu hohem auserkoren
und solltest zwischen Sternen gehen,
der Wahrheit tiefsten Grund verstehen.
Und jetzt, jetzt hab ich dich verloren.
Warum? Es reißt mein Onkelherz entzwei;
verzeiht ihm diesen Schmerzensschrei:
Du Miststück, Gina, bringst mich noch ins Grab!
Wer sollte dich dafür nicht hassen:
Führst ihn – Go- äh, Jeneshöherewesendaswirverehren mög es nicht zulassen –
auf deinem Wege mit hinab.

Dieses Gedicht entstand anlässlich einer Silvesterfeier. Das Setting und die Rollen waren vorgegeben, und ich war halt der intellektuelle Onkel des Bräutigams. Der Anfang ist von Lem geklaut, das Ende von Goethe.
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