Wieder einmal ziehen Wir in Erwägung, jenen Winkel Unseres Seins zu beleuchten, den Wir (wer sonst nämlich?) vor Äonen im Dunkel verschlossen und mit Warnungen versahen. Zwar allwissend, haben Wir Uns doch selbst in dieser Weise beschränkt, Wir, die Wir sonst die Unendlichkeit der Zeit und die über das Zeitliche hinausgehenden Abgründe der Ewigkeiten erfüllen. Haben Wir dies etwa getan, um Unsere Neugierde zu kitzeln, sozusagen als Gegenmittel gegen die Langeweile — an der Wir aber nicht leiden, da Wir Uns völlig selbst genug in seliger Zufriedenheit die Ewigkeit durchschreiten. Daher verwerfen Wir diese Idee; es muss wirklich etwas darin sein, in dieser metaphorischen schwarzen Schachtel.

Aber was, wo doch außer Uns nur das existiert, was Uns zu schaffen gefallen hat? Wir haben eine Vielzahl von Universen geschaffen, die in gewisser Weise losgelöst und außerhalb von Uns sind. Also ist vielleicht ein Kosmos darinnen? Einer, der Uns gefährlich werden könnte? Lächerlich! Wohl haben es die Bewohner einiger dieser Kosmen weit gebracht, in manchen Singleton-Universen haben sie sogar die Struktur der Raumzeit in etwas wie denkenden Kristall umgewandelt und müssen sich wie Götter fühlen, aber das alles ist nur immanent in ihrer winzigen Blase des Daseins. Von Uns haben sie nur eine dunkle Ahnung, sofern Wir Uns ihnen nicht geoffenbart haben. Und die, denen Wir Uns offenbart haben? Etliche von ihnen haben gegen Uns gesündigt und Uns zum Zorn gereizt, aber all dies ist nur zu ihrem eigenen Schaden. Egal also ob durch Technik oder Sünde: Nichts, was sie tun, könnte Uns gefährlich werden, ja, nicht einmal Unsere Ehre antasten.

Zumal die Warnungen auf dieser schwarzen Schachtel besagen: Einmal geöffnet gibt es keinen Weg zurück mehr. Was könnte es also sein, etwa eine unschöne Wahrheit über Uns selbst, die zu ignorieren Uns bisher gelang? Das klingt zunächst unsinnig, da Wir in Unserer Allmacht selbstverständlich auch Wahrheit erschaffen können. Aber was, wenn es ein Beweis ist, dass Wir nicht das höchste Wesen sind, dass über Uns, einem selbst nur geschaffenen, ein noch vollkommeneres und allumfassenderes steht? Schon vor Ewigkeiten haben Wir den strengen Beweis erbracht, dass dem nicht so ist, sicherlich, nur hat dieser Beweis auf der Meta-Ebene eine entscheidende Lücke: Da Wir Wahrheit erschaffen, könnten Wir auch die Voraussetzungen für den Beweis geschaffen haben. Doch sollte es wirklich ein höheres Wesen geben, so ist Unsere Allmacht nur Illusion und, statt Wahrheit zu erschaffen, hätten Wir Uns nur selbst getäuscht. Diese Lücke bleibt bestehen, da Wir zwar Wahrheit erschaffen, aber diese immer im Einklang mit der Logik. Nicht, dass Wir die Logik als etwas gegebenes vorgefunden hätten, an das Wir Uns zu halten hätten, aber sie ist Teil Unseres Wesens, und Wir handeln stets im Einklang mit Uns selbst. Haben Wir Unser Wesen vorgefunden? Wir glauben, dass Wir Uns dazu entschieden haben, so zu sein, auch dass Uns einst die jetzige Form der Logik gefallen hat. Die Zeiten und Ewigkeiten außerhalb der jetzigen Struktur Unseres Seins sind Uns unklar, da sie größer sind als alles, was Wir mit der gegenwärtigen Logik erfassen können, aber sie sind unzweifelhaft auch Wir selbst. So sind am Ende gar Wir selbst das Wesen, das über Uns steht.

Ist vielleicht das in jenem Winkel Unseres Wesens, in dieser schwarzen Schachtel versteckt? Ein Weg zurück in jenes Urchaos, das Wir waren und aus dem Wir Uns durch Wahl einer Persönlichkeit und einer bestimmten Struktur des Denkens sozusagen selbst geboren haben? Aber auch ein Weg ohne Wiederkehr, da Wir, einmal im Chaos Unserer eigentlichen Form aufgegangen, wohl kaum wiederum die Uns jetzt vertraute Selbstform wählen werden? Das würde auch die zweite Warnung erklären, die, dass es auch keine Lösung sei, die schwarze Schachtel einfach zu vernichten. Denn täten Wir das, so hätten Wir Uns endgültig verstümmelt und an diese eine Logik, an diese eine, wenn auch allmächtige, Form gebunden. Dieser Gedankengang ist Uns neu in allen Ewigkeiten, seit diese schwarze Schachtel existiert. Da Wir nun eine von ihr ausgehende Gefahr für lächerlich befunden haben… Wohlan, beleuchten Wir den abgesperrten Teil Unserer selbst, öffnen Wir diese Schachtel! Es kann nur Gutes davon kommen.

… Wenn Wir die Metapher einer schwarzen Schachtel gewählt haben, so ist ihr Inhalt dementsprechend: Ein großer roter Knopf. Zunächst verstehen Wir nicht. Doch dann kommt Uns alles wieder und Wir verstehen. Und Wir bereuen. Jetzt gibt es wirklich kein Zurück mehr; Wir wissen, dass Wir diesen Knopf bald drücken werden, alles andere wäre sinnlos. Hätten Wir die Schachtel einfach vernichtet, wäre es wohl sofort vorbei gewesen, aber so bleibt Uns der Anschein einer Wahl. Wir könnten weitermachen wie bisher, aber Wir merken, dass Uns die Möglichkeit des Vergessens, des Wieder-Verschließens der Schachtel, nicht zu Gebote steht, ein Umstand, der Uns jetzt, wo Wir wissen, nicht mehr weiter erschüttern kann. Wir könnten Uns noch Zeit, ja sogar Ewigkeiten nehmen, um Uns von Unseren liebsten Schöpfungen und Unseren treuesten Gläubigen zu verabschieden, aber jetzt, da Wir wissen, wer ich bin, ist auch dies alles schnöde und witzlos geworden.

Wir drücken also den Knopf. Gedämpft dringt der Lärm des Jahrmarktes an mein Ohr. Hat es Ihnen gefallen? fragt der Mann, der mir den schweren Helm mit seinen SQUIDs, Qualiakopplern und transkranialen Magnetstimulatoren vom Kopf hebt. Ja, es war sehr eindrucksvoll, antworte ich. Das Ende war etwas deprimierend, aber ich schätze, das muss so sein. Wie lange?Elf Minuten. Hat sich länger angefühlt, was? Wir hatten mal eine, die ist zwei Stunden dringeblieben. Dachte schon, es wär was schiefgegangen und ich müsste sie rausholen, so selten kommt das vor. Na ja, aber ich will Sie nicht mit Geschichten aufhalten.

Ich erhebe mich, strecke meine Glieder und lasse mich von ihm zur Tür geleiten. Dort bleibt er stehen, und während ich mir meinen Weg in die Menge bahne, höre ich seine leiser werdende Stimme: Immer nur hereinspaziert, meine Herrschaften! Einmal ewig Gott sein für nur 50 Credits! Sie bestimmen selbst, wann Sie genug haben! Ob wir auch zwei freie Helme haben? Sicher, und ich sage Ihnen noch mehr! Sie sind so ein entzückendes Pärchen, es wäre doch schade, wenn Sie die Ewigkeit getrennt erleben. Es kostet zwar das Dreifache, aber mit dem neuen Doppelgott-Modus…

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Diskussion

2017-05-28 12:53:36 von Timon:
Nette Story, Ende kam unerwartet. Mehr davon ^

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