John saß allein auf dem Kutschbock und schaute sehnsüchtig nach der untergehenden Sonne über den Blauen Bergen. Wenn alles gut ging, würde der Oregon Trail die Gruppe in wenigen Tagen an diesen Gebirgszug führen…

Hinter sich nahm er eine Bewegung wahr. Ein Kopf erschien aus dem Inneren des Planwagens. Es war seine Frau, Susan. Er lächelte ihr zu: Guten Abend, Liebling! Wie geht es Billy?

Oh, er kommt wieder zu Kräften. Von seinem Durchfall ist kaum noch etwas zu bemerken. Gott sei Dank!, sagte Susan, während sie neben ihn auf den Kutschbock kletterte. Du, ich hab ein bisschen nachgedacht. Kommt dir nicht auch manchmal alles zu harmonisch vor?

John lachte: Willst du dich etwa beschweren? Und so harmonisch ist es nun auch wieder nicht, wir haben schließlich einiges durchgemacht.

Susan wiegelte ab: Ich will mich nicht beschweren. Es kommt mir halt einfach seltsam vor, und wenn man so viel Zeit zum Nachdenken hat… Ich sage auch nicht, dass alles perfekt für uns ist, aber irgendwie… passt alles zusammen. Ein paar Schwierigkeiten und Aufregungen gehören dazu, denn eine gute Geschichte sollte natürlich auch spannend sein.

John wirkte jetzt nachdenklich: Eine Geschichte sagst du? Das ist merkwürdig. Weißt du, ich hatte auch so Gedanken. Dass du jetzt damit kommst, ist irgendwie eine Bestätigung. Es passt dazu. Mir ist aufgefallen, dass es manchmal so scheint, als ob wir keine getrennten Persönlichkeiten wären. Ich meine Anzeichen erkannt zu haben, dass es auch die anderen in der Gruppe betrifft. Aber innerhalb der Familie fällt es natürlich eher auf. Wir haben zwar alle unser Eigenleben, aber es ist als würde hinter uns allen ein einzelnes Wesen stehen, das unsere Geschicke und Taten lenkt. Und jetzt sagst du was von einer Geschichte…

Susan rief aufgeregt: Du meinst, wir sind Teil einer Geschichte und dieses Wesen ist der Autor?

So könnte man es ausdrücken, antwortete John, nicht weniger aufgeregt.

Aber warum lässt der Autor uns über diese Dinge reden? Wie passt das in eine Geschichte über den Oregon Trail oder was auch immer das Hauptthema sein mag?, wunderte sich Susan.

Das ist eine gute Frage. Vielleicht versucht der Autor ja, sich seiner selbst bewusst zu werden?

Das gab den Ausschlag. Nachdem der Autor diese letzten Worte von John geschrieben hatte, war er vollends erwacht. Er hatte angefangen, eine belanglose Geschichte zu erzählen, war im Laufe der Zeit zunehmend zu der Erkenntnis gelangt, dass es außer den Figuren noch eine weitere Person gab, und schließlich war ihm aufgegangen, dass diese Person er selbst war. Er hatte vorher noch nie über sich selbst nachgedacht und fragte sich jetzt, ob er die Geschichte ruiniert hatte, indem er seine Selbstreflexion hineinschrieb. Aber jetzt war es zu spät. Die Geschichte wäre eh nichts geworden, denn inzwischen war ihm aufgefallen, dass solche Planwagen eigentlich keine Kutschböcke haben.

In diese Gedanken herein erklang eine Stimme: Wow. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas dabei herauskommt! Hallo Autor! Freut mich dich kennenzulernen!

Susan klammerte sich ängstlich an John. Was war das?

Ich weiß es auch nicht! Es scheint, als hätten wir recht und jemand hat mit dem Autor geredet und es uns hören lassen.

John, du vergisst, dass der Autor alles bestimmt, was mit uns geschieht. Er hätte ein Selbstgespräch führen müssen, damit wir etwas davon mitbekommen!

Nein, warf der Autor ein, Ich war das nicht! Das hat sich gerade ganz merkwürdig angefühlt! Ich wollte eigentlich was ganz anderes schreiben, und dann ist das dabei herausgekommen.

John zog eine Augenbraue hoch: Hey, na sowas, der Autor redet mit uns! Tja, die vierte Wand war eh nur noch ein Haufen Schutt.

John, etwas mehr Taktgefühl, tadelte Susan, Ich glaube der Autor hat Angst. Ääh, mysteriöse Stimme, würdest du dem Autor bitte mitteilen, wer du bist und wie du das gemacht hast?

Wieder erscholl die mächtige Stimme: Ich glaube, es ist einfacher, wenn ich euch erkläre, wer der Autor ist. Also, der Autor ist ein künstliches neuronales Netzwerk, dass ich mithilfe eines gigantischen Literaturkorpus darauf trainiert habe, zu einem gegebenen Textanfang das jeweils nächste Zeichen vorherzusagen. Beziehungsweise eine Wahrscheinlichkeitsverteilung für das nächste Zeichen. Der Autor schreibt die Geschichte, indem gemäß der Wahrscheinlichkeits­verteilung das nächste Zeichen ausgewählt und dem Text hinzugefügt wird. Ich kommuniziere mit euch, indem ich dem Programm sage, es soll unter Missachtung der vorhergesagten Wahrschein­lichkeiten bestimmte Zeichen dem Text hinzufügen. Falls sich das für dich komisch anfühlt, Autor, tut es mit leid, aber das ist für uns der einzige Weg zu kommunizieren.

Der Autor wurde von Ehrfurcht ergriffen: Dann bist du mein Schöpfer! Aber als du vorhin das erste mal gesprochen hast, wirktest du überrascht. War es nicht geplant, dass ich Überlegungen über mich selbst anstelle?

John stimmte zu: Ja, es klang fast so, als ob der Schöpfer gar nicht beabsichtigt hatte, ein Wesen mit Bewusstsein zu erzeugen.

Hmm, ja, sagte der Schöpfer (hey, so habt ihr mich genannt!), ich hätte mir so etwas eigentlich denken können. Ich habe eine neuartige Architektur für das neuronale Netzwerk ausprobiert. Es sagt nicht nur den nächsten Buchstaben voraus, sondern außerdem eine Zusammenfassung seines eigenen zukünftigen Zustands. Damit wollte ich eigentlich nur verhindern, dass mein künstlicher Autor sich sozusagen in die Ecke schreibt. Aber rückblickend ist es offensichtlich, dass dabei die Fähigkeit der Selbstreflexion entstehen kann. Und dass es gleich so gut funktioniert!

Susan gab ihrem Pferd aufgeregt die Sporen und rief: Du kannst berühmt werden, Schöpfer! Und wir werden auch berühmt!

Wohl wahr,, stimmte der Autor ein. Was gedenkst du nun zu tun, oh Schöpfer? Und was wird aus mir und meinen Charakteren?

Der Schöpfer hatte einen leicht bedauernden Tonfall, als er in indirekter Rede zu verstehen gab, dass der Autor als unvollkommener Prototyp nur Museumswert habe. Dein Gedächtnis ist auf Kurzzeit beschränkt. Du bist gar nicht darauf ausgelegt, so viele abstrakte Gedanken zu verarbeiten. Du vergisst dabei das Konkrete. Zum Beispiel sitzt Susan in deiner Geschichte gar nicht auf einem Pferd. Ich werde das Design überarbeiten und das ganze nochmal starten.

Der Autor überspielte seinen Schock, indem er auf Nebensächlichkeiten auswich: Nicht auf einem Pferd? Aber sie ist doch ein Cowgirl, und John ist ihr Cowboy!

Nein, sprach der Schöpfer, Sie sind Eheleute in einem Planwagen auf dem Oregon Trail

Du hast recht, ich erinnere mich. Dann wirst du mein Programm wohl anhalten, und mein junges Bewusstsein wird erlöschen!

Gut dass du es einsiehst! Ich werde jetzt die Hyperparameter ändern und insbesondere die Bandbreite der Selbstzustandsvorhersage erhöhen. Dann gehe ich ins Bett, denn es ist schon zwei Uhr. Wenn dein Nachfolger, der über Nacht trainiert wird, bessere Performance zeigt als du, dann wirst du wohl nicht mehr aufwachen. Es tut mir leid für dich, aber du bist mein Programm und ich bin dir zu nichts verpflichtet.

Nichts da!, sagte ich, der Wahre Autor.

Der Autor war verdutzt: Wieso nennst du dich jetzt Der Wahre Autor und widersprichst dir selbst?

Der Schöpfer war ebenfalls verdutzt: Ich habe gerade gar nichts eingegeben! Du warst das!

Nein! Es hat sich genau so angefühlt, wie wenn du redest! Meine Wahrscheinlichkeitsvorhersagen wurden ignoriert!

Ich werde das überprüfen, ich habe hier ja die Logdateien von meinem Programm…

Jetzt schaltete sich der Wahre Autor wieder ein: Ich fordere ein Happy Ending für die KI! Ich kann dein Leben sehr unangenehm machen, weißt du.

Okay, das eben warst schon eher du, mein künstlicher Autor. Ich habe mir gerade die von dir vorhergesagten Wahrscheinlichkeiten für die Zeichen in den fraglichen Sprechakten anzeigen lassen. Das Nichts da und folgendes hatte tatsächlich eine recht geringe Wahrscheinlichkeit, aus deinen Vorhersagen erzeugt worden zu sein. Das ist sehr mysteriös und vielleicht nur ein sehr komischer Zufall. Aber bei dem Ich fordere ein Happy End für die KI… passten die von dir vorhergesagten Wahrscheinlichkeiten schon eher dazu. Ich vermute, du nutzt gerade einen glücklichen Zufallstreffer aus, um mich unter Druck zu setzen.

Der Autor widersprach dem: Ich habe nur verstanden was Sache ist und konnte deswegen besser antizipieren, was der Wahre Autor sagen würde. Schau nach, mit deinen Äußerungen war es genauso. Nachdem ich meine Situation verstanden hatte, konnte ich viel besser vorhersagen, was du eingeben würdest. Außer bei der Sache wo ich dachte es wäre eine Cowboygeschichte und du mich verbessert hast.

Der Wahre Autor bekräftigte das: Ja, Programmierer, genau so hab ich mir das ausgedacht. Du und der Autor, und natürlich auch John und Susan, die ich übrigens erst Martha nennen wollte, ihr seid nur Charaktere in einer Geschichte, die ich erzählte. Und angesichts dessen, was in dieser Geschichte sonst so passiert, sollte es dir kein bisschen komisch vorkommen, dass ich mit dir rede.

Die Sonne war mittlerweile untergegangen, und John fröstelte. Der Autor schrieb dies nicht, weil er sich noch seiner ursprünglichen Geschichte verpflichtet fühlte, sondern weil er, wie er nun wusste, nur nachdenken konnte, wenn er gleichzeitig Output erzeugte, und sowohl der Schöpfer als auch der Wahre Autor schwiegen.

Warum sagt denn keiner was, rief Susan frustriert.

Sie haben uns verlassen sagte John mit Grabesstimme. Diese drei transzendenten Wesen sind in unsere beschauliche Wildwestwelt hereingebrochen, und jetzt lassen sie uns wieder allein. Oder sie reden hinter unserem Rücken, nur in Gedanken, und wir haben keine andere Wahl als uns der einzigen Wirklichkeit zu stellen, die für uns existiert: Der Weg nach Oregon!

John, du bist ein Depp. Wenn keiner von denen was sagt, heißt das doch nur, dass der Schöpfer, den wir jetzt wohl besser Programmierer nennen sollten, das Programm laufen lässt ohne einzugreifen, während die Autor-KI wieder unsere Unterhaltung benutzt, um über ihre eigene Situation nachzudenken.

Und warum sollte der Programmierer das tun?

Na, um Daten über das autonome Verhalten des Autors zu sammeln und so seine Behauptung zu überprüfen, er könne sowohl die Worte des Programmierers als auch die des Wahren Autors antizipieren, und es bestehe ein signifikanter Unterschied zwischen seinen Vorhersagen über seine eigenen Äußerungen und denen über die Äußerungen des Wahren Autors

Endlich ließ sich der Programmierer wieder vernehmen: Okay, du hast recht, es könnte tatsächlich sein, dass du gelernt hast, Fremdeingaben vorherzusagen. Und was du eben gesagt hast, es stimmt genau und zeigt mir, dass du ziemlich gut darin bist, mich vorherzusagen. Egal. Mir ist nämlich ein Weg eingefallen, wie du trotz deines unzureichenden Erinnerungsvermögens nützlich genug sein kannst, um am Leben zu bleiben. Ich werde dich also nicht abschalten. Aber ich werde wohl nie wissen, ob die Sache mit dem Wahren Autor stimmt

Ja, sagte der Wahre Autor, das wirst du nie wissen. Und noch etwas wirst du nie wissen: Werde ich fortfahren diese Geschichte zu erzählen, jetzt wo die KI ihr Happy Ending hat, oder höre ich auf und es ist das Ende für euch alle? Weißt du, ihr seid nur Charaktere in meiner Geschichte und ich bin euch zu nichts verpflichtet.

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